SPATIAL SECURITY

2018

essay in german

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Kenan ŠutkoviĆ

Ein Essay zum Thema "Geborgenheit und Wohnen"

Spatial Security - Räumliche Sicherheit

1. Definition des Begriffs “Geborgenheit”

Mit dem Ausdruck “Geborgenheit” wird ein Zustand des Sicherheits- und Wohlgefühls beschrieben. Geborgenheit ist mehr als nur Sicherheit, Schutz und Unverletzbarkeit; Geborgenheit symbolisiert auch Nähe, Wärme, Ruhe und Frieden. Der Ausdruck gilt gemeinhin als unübersetzbar.

 

1.1. Annäherung der Definition des Begriffs “Wohnen”

Im westlichen Kulturkreis werden heute dem Wohnen eher Funktionen zugeordnet, die innerhalb dieses Kulturkreises als privat oder intim angesehen werden und deshalb nicht im öffentlichen Raum stattfinden. Nicht in allen Sprachen besteht ein eigenständiges Wort für das Wohnen. Im englisch sprachigen Raum wird sprachlich nicht zwischen „wohnen“ und „leben“ unterschieden. Außerdem werden dem Begriff “Wohnen” Assoziationen wie “Leben an einem Ort“, “Verwurzelung an einem Ort“ oder “räumlicher Lebensmittelpunkt“ zugeordnet. Er hat daher eine gewisse Nähe zum Begriff “Heimat”.

 

1.1.1. Am Beispiel: Die eigenen vier Wände, Gert Selle

Der Autor Gert Selle, beschreibt das Wohnen in seiner Form als konservativ, die Menschen halten an das Gewohnte fest und leben über die Kulturgeschichte hinweg sehr unbewusst, ohne zu wissen was sie wirklich und symbolisch tun. Erst das bewusste Hinsehen zeigt die geringe Veränderung im Verhalten des Wohnens auf und lässt die Beständigkeit der historisch, tradierten Vorgaben erkennen. Trotz aller Veränderung über die Zeit ist der Raum der eigenen vier Wände jener Unterschlupf geblieben, den die Urhütte darstellte. (vgl. Selle 1993).„Wohnen heißt Abschließung von der Welt in der Welt (gemeint sind die eigenen vier Wände), mit einem Fenster zu ihr hinaus.“ (Selle 1993)

 

1.1.2. Am Beispiel: Bauen Wohnen Denken, Martin Heidegger

Heidegger versteht das Wohnen nicht als eine Tätigkeit unter anderen, sondern als die völlige des Menschen auf der Erde. Er unterstreicht dies mit Hilfe seiner etymologischen Erörterungen. Sein Begriff des Wohnens erschöpft sich offenbar nicht im bloßen „Innehaben einer Unterkunft“. (vgl. Heidegger 1951)

 

1.1.3. Am Beispiel: Weltentwerfen, Friedrich von Borries

Hier wird erwähnt, dass ähnlich wie bei Kleidung auch Räume eine schützende Hülle für Körper bilden und somit das Wohnen entsteht. Laut dem Architekturtheoretiker Gottfried Semper (1803-1879) sind Architektur und Bekleidung eng miteinander verknüpft. Die Wand, ging aus dem Gewand hervor, das Haus ist die Verfestigung der Kleidung und des textilen Zeltes. (vgl. von Borries 2016) “Der antike Architekt Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) erklärt die Idee einer vor Wind und Regen schützenden Urhütte zum Ausgangspunkt jeglicher Architektur.” (von Borries 2016)

 

2. Designgeschichte und Wohnen

2.1. Funktionalismus und Neue Sachlichkeit

2.1.1. Bauhaus - Neues Wohnen

Einer der wichtigsten Ansprüche der Bauhaus-Schule war, mittels der Kunst das Leben zu verändern. Mit dem Musterhaus “Am Horn” (1923) wollte das Bauhaus, das Wohnen rationalisieren und standardisieren. Zweckmäßigkeit und Hygiene spielen eine Rolle sowie eine “Wohnökonomie” (so Annie Albers 1925). Zentrale Punkte des “Neuen Wohnens” waren die Neuordnung nach Funktionsabläufen und die “Organisation von Lebensvorgängen”. (Walter Gropius, um 1923).

 

2.1.2 Stockholmer Ausstellung 1930 - Acceptera

Das von schwedischen Architekten und Intellektuellen verfasste Manifest “Acceptera”(Paulsson, Markelius, Åhrén, Asplund, Sundahl und Gahn 1931) spielte eine wichtige Rolle zum Etablierung des Funktionalismus im schwedischen Design. Behauptet wurde, dass das zeitgemäße Design zu langsam und nicht dem Tempo folgt, wie es Technik und revolutionäres, soziales Denken tun. Die Schlüsselpunkte die präsentiert wurden sind zum Bespiel, dass es “A-Europa” und “B-Europa” gibt. Ersteres zeichnet sich durch industrielle, urbane Zentren oder vernetzte Städte, die sichtbar eine Modernisierung akzeptieren aus. Letzteres sollen traditionelle Organismen sein, die von einander abhängig sind, wie ein isolierter Bauer und eine große, anachronistische  Fabrik. Diese Streitschrift übt Kritik an der Standardisierung vom Bauhausstil aus und zeigt erste Ansätze zu individualisiertem Design, dass von Konsumenten wählbar und vorselektiert sein kann.

 

2.2. Kontemporäres Design - Individualismus

Dinge sind Symbole die stellvertretend für einen Habitus stehen. So wie es eine Esskultur oder eine Sprachkultur gibt, exisitiert eine Art Dingkultur. Neben Tradition spielt Bedeutung bei Objekten eine große Rolle. Es gibt für jede Tätigkeit ein, zu verwendendes Objekt und jedes Objekt ist mit einer Bedeutung aufgeladen. Viele zeitgemäße GestalterInnen erzeugen eine eigene Realität indem sie die Wirklichkeit wirklicher gestalten. Sie verstärken sie. Man könnte sie mit Dichtern vergleichen die versuchen ein Bewusstsein oder ein Körpergefühl zu benennen und umdefinieren, damit Menschen dieses verstehen.

 

2.2.1 Konsumtheoretische Kritik

Wohnaccessoires suggerieren, dass das Wohnen eine Tätigkeit sein soll. Geschmack, Stil und ein Bewusstsein für seine Wohnung wird dadurch gezeigt. Wo Peter Handke in “Versuch über den geglückten Tag “sagte: “Wir wissen nicht genau was die Tätigkeit Wohnen sein soll.”, ist das heute ganz klar geworden. Wenn Ikea’s Slogan “Wohnst du noch, oder lebst du schon?” eigentlich aus allem ein aktives Tun macht, hebt sich das Wohnen jedoch auf. Zudem verweisen Tätigkeiten in der Wohnung auf das Wohnen, weil sie dort stattfinden, aber nicht diese definieren. Zum Beispiel Karten spielen, ein Buch lesen oder frühstücken.

 

2.2.2. Upcycling, DIY, Vintage, Konfigurierbarkeit

Aktuelle Trends wie bespielsweise Shabby Chic sollen nicht neu aussehen und sollen eine lange Geschichte vermitteln. Als ob das Wohnen in der Vergangenheit liegt und das Objekt ein Wohnkultur-Relikt sei. Handwerklich sichtbare Tätigkeiten am Objekt zeigen neben Qualität und Idividualität auch, dass der Mensch diese Aktivität des Gemachten verspürt. Bei einer Wohnästhetik mit Unfertigem oder Selbstgemachtem wie beim DIY, bekommt man die Lust auf das Tun. Upcycling vermittelt dann die Freiheit und die Möglichkeit des Umänderns, wie und wann man möchte. Ähnlich bei online- angebotenen Designobjekten die konfigurierbar und individuell anpassbar sind.

 

3. Recht auf Wohnen

In Deutschland formulierte die Weimarer Verfassung (1919, Art. 155) erstmals das staatliche Ziel “jedem (…) eine gesunde Wohnung“ zu sichern. Als politisches Ziel wurde das Recht auf Wohnen im Jahre 1944 von Franklin D. Roosevelt in seiner Rede zum “Second Bill of Rights” formuliert. “Jeder hat das Recht auf Lebensstandard (…), Nahrung, Kleidung, Wohnen…” (UN Deklaration 1948, Art. 25) In Österreich gilt das Recht: ”Die Versorgung der Bevölkerung mit Wohnungen ist in einer Weise sicherzustellen, dass die Lage und Qualität der Wohnungen sowohl die Wahrung der Privatsphäre als auch die gesellschaftliche Entfaltung des Einzelnen im Wohnbereich ermöglichen” (Österr. Raumordnungskonzept 1975)

 

4. Regeln der Interaktion

4.1. Regeln eines Objektes

4.1.1. Am Beispiel: Baum der Erkenntnis

Nimmt man die mystische Vorstellung, dass Gott ein Universum geschaffen hat in welchem bestimmten Objekten ein Wert zugesprochen wird (Frucht ist verboten für den Menschen) erkennt man, dass Menschen die Objekte mit einem Charakter oder einer Symbolik aufladen und diese ein Gefühl oder einen inneren Film suggerieren.

 

4.2. Regeln eines Subjekts

4.2.1. Am Beispiel: Security Zone, Vito Acconci

In seiner Performance “Security Zone” (1971) beschreibt der Künstler und Architekt Vito Acconci, dass Sicherheit und so auch Geborgenheit sich ergibt, wenn man etwas von seiner eigenen Körperbeherrschung abgibt an ein anderes Subjekt. Somit testet man die Beziehung und formt so, durch Abmachung oder Vertrauen, ein Gefühl der Geborgenheit. Diese Abgabe von Eigenmacht, transformiert das Subjekt und gibt ihm etwas Dingliches. Somit gebe es jede Konstellation von Interaktion: Subjekt/Subjekt, Subjekt/Objekt, Objekt/Objekt, Objekt/Subjekt.

 

5. Zeitgemäße Prozesse, die Geborgenheit im Wohnraum zeigen

5.1. Am Beispiel: Dekorative Fenstergitter - "Schöne Sicherheit"

Meist im Erdgeschoß angebrachte Eisengitter vor Fenstern setzen gezielt, zur Beschönigung mit Ornamenten und dekorativen Mustern, eine Verharmlosung der potentiellen Gefahr ein.

 

5.2. Am Beispiel: Frankfurter Küche - "Verspielte, neue Ordnung"

Die berühmte Einbauküchengestaltung von Schütte-Lihotzky gilt als ein praktischer Helfer nach dem Beispiel eines industriellen Arbeitsplatzes. Sie wird als „kommunikative Wohlfühl-Küche“ hochgepriesen und auf der anderen Seite sehr stark kritisiert, da sie eben viele bewährte Prozesse in der Wohnkultur komplett auf den Kopf stellt. Das ist aber genau die Intervention die Spaß und eine Bandbreite an Möglichkeiten bietet. Dinge werden neu erlebt und wieder gelernt.

 

5.3. Am Beispiel: Kitschobjekte - "Hässliche Geborgenheit"

Man behält sich oftmals ein Objekt welches eigentlich kitschig ist, selbst wenn man weiß, dass dieses Kitsch sei. Dies macht man weil man eine spezielle Bindung zu dem Objekt hat oder weil es eine besondere Geschichte dazu gibt. Man ladet dieses Objekt mit Bildern und Ideen auf und verleiht sich selber dadurch eine gewisse Geborgenheit durch den visuellen oder haptischen Bezug. Zudem gibt es auch kitschige Objekte die so oft in Popkultur und Alltag gefloßen sind, dass diese fast schon historische Züge bekommen.

 

6. Was Wohnen sein kann

6.1. Wann findet Wohnen statt?

Das Wohnen wird nicht mit einer Art und Weise des Wohnens besser oder stärker wahrgenommen, wie bespielsweise mit der Philosophie des Zen. Vielmehrist es eine Vielzahl an Faktoren die das Wohnen definierbarer machen. Der “Diderot-Effekt” spiegelt sich beispielsweise in unserem heutigen Konsumverhalten. Dieser beschreibt den Zwang, neue Objekte zu begehren, nachdem man einen Gegenstand gekauft hat, um ein passendes Gesamtbild zu erzeugen. Das Setzen neuer Standards. So wie das Sparerlebnis durch Rabatte uns ermöglicht in die Zukunft zu denken, weil man noch für Weiteres investieren kann und deshalb mehr kauft und denkt man spart dabei. Die Lieferzeiten bei einer Bestellung sind auch ein Zeitpunkt wann Wohnen stattfindet. Die lange Zeit, die man auf sein Objekt wartet, verstärkt die Imagination und das Träumen auf den Besitz des Objektes und die Interaktion damit.

 

6.2. Wo findet Wohnen heute statt?

Der Besitz jedes weiteren Objektes verstärkt das Wohnen. Aber neben der zeitlichen gibt es auch die lokale Komponente. Oftmals an dem Ort wo man mit Objekten in Interaktion tritt, aber eher noch ist es der “Point of Sale” wo man eigentlich Wohnen auch festmachen kann. Denn das ist der Ort wo Wohngefühle entstehen. In Magazinen, Blogs, Shops und Anzeigen. Der Konsum der Werbung ist schon unzertrennlich mit dem eigentlichen Platzieren des Objektes in der Wohnung.

 

6.3. Antibewusstes Wohnen

Natürlich existiert als Gegenkultur auch ein Antibewusstes Wohnen sowie eine Art Konsumprotest. Tendenzen erkennt man im Frugalismus sowie Minimalismus. Diese werden oft sehr individuell in ihrer Konzeption, dadurch gibt es das Problem, dass diese Kulturströmungen nicht leicht definierbar sind, da sie noch im Entstehen oder im Wandel sind.

 

„Aufenthalt bei den Dingen und Wohnen gehören zusammen“

(Heidegger 1951)